Sein oder nicht sein

Die Frau schaut mich ernst an, als ich die Straße entlang gehe. Fast scheint es, ihre Augen würden mich verfolgen, aber sie ist nur auf einem Plakat drauf. »Ich bin Türkin«, steht neben ihr. Aha, denke ich, die Frau ist Türkin. Sieht man ihr gar nicht an. Sie ist blond, eine blonde Türkin. Ui ui ui, denke ich, da spielt mal wieder jemand ganz geschickt mit Klischees. Aber das ist sicher auch der Sinn des Plakats. Man sieht jemandem nicht an, ob der Türke ist oder nicht. Unter »Ich bin Türkin« steht aber noch etwas, ein bisschen kleiner: »Wenn Du was gegen Türken hast« steht da. Also: »Ich bin Türkin. Wenn Du was gegen Türken hast.« Aha, denke ich, dann ist die Frau also keine Türkin. Denn erstens habe ich nichts gegen Türken und zweitens würde das da sicher nicht stehen, wenn sie wirklich Türkin wäre, sondern: »Ich bin Türkin. Egal, ob du was gegen Türken hast oder nicht.«

Hat irgendwas heisenbergsches an sich, das ganze. Wenn ich was gegen Türken habe, ist die Frau Türkin. Wenn ich nichts gegen Türken habe, ist sie keine. Wenn mir Türken irgendwie egal sind, ist die Frau … Aber ich werde von einem weiteren Plakat abgelenkt.

»Ich bin Jude«, steht da neben einem Mann und den Mann kenne ich. Es ist Ulrich Wickert. Wenn das Ulrich Wickert ist, dann ist die Frau von eben sicher auch jemand, den man kennen müsste, denke ich und: Ich wusste gar nicht, das Ulrich Wickert Jude ist. Doch halt, da steht ja noch »Wenn du was gegen Juden hast«. Dann ist Ulrich Wickert also kein Jude. Denn ich hab nichts gegen Juden. Und ich gehe im Kopf die ganze Argumentationskette von eben nochmal durch, nur diesmal mit Jude statt Türke.

Unter dem ganzen steht noch ganz viel kleiner Text, den ich ohne Lesebrille nicht lesen kann und das Logo des Vereins »Gesicht zeigen«.

Aha, dräut in mir die Erkenntnis, das sind also Plakate gegen Türkenfeindlichkeit und gegen Antisemitismus und gegen Homophobie. Denn mein Blick ruht längt auf einem dritten Plakat: Jörg Thadeusz behauptet, schwul zu sein. Zugegeben – lege ich allgemeine Vorurteile und Stereotypen als Maßstab an, die man über Schwule so hat, bin ich geneigt, das zu glauben: Jörg Thadeusz ist klein, moppelig, weich, einfühlsam, lustig, so ein bisschen Dirk Bach für Intellektuelle. Da ich aber nichts gegen Schwule habe (ich bin ja selbst zu 35% schwul), ist Jörg Thadeusz – schwupp – hetero. Ich kann zaubern! Ich kann Menschen verändern, und das ist es doch, wovon jeder von uns träumt: Menschen verändern. Ich hab was gegen Frauen – schwupp – ist die alte Schreckschraube an der Supermarktkasse ein Mann. Ich hab was gegen reiche Russen in dicken Autos, die mir die Vorfahrt nehmen – simsalabin – wimmelt es in Berlin von reichen Russen in dicken Autos. Ich habe was gegen Nazis – abraka… – nein, da möchte ich jetzt gar nicht dran denken. Ich muss also für Nazis sein, damit die verschwinden.

Weitere Plakate drängen sich in meine Aufmerksamkeit: Astrid Frohloff (wer immer das auch ist) ist Muslima. Sebastian Krumbiegel ist auch Türke. Klaus Wowereit behauptet, Bürgermeister zu sein und – laut Plakat – Migrant. Markus Kavka ist: schwarz, genau wie Paul van Dyk.

In diesem Moment trifft mich die Erkenntnis wie ein Stromschlag und ich möchte ausrufen: Was für eine Scheiße!

Markus Kavka ist schwarz. Vor einiger Zeit hat sich Dieter Hallervorden dunkel geschminkt und einen Schwarzamerikaner gespielt in seinem kleinen Theater in Steglitz. Sich als Weißer schwarz anzumalen und einen Schwarzen zu spielen, wo es doch Schwarze gibt, die Schwarze spielen können, heißt Blackfacing und es gab eine große Debatte, denn Blackfacing ist böse, faschistisch und beleidigt die Schwarzen. Die Plakatkampagne des Vereins Gesicht zeigen ist verbales Blackfacing!

Kommt Markus Kavka abends nach Hause und seine Frau fragt ihn: »Na, Schatz, wie war dein Tag?« – »Ach«, sagt Markus dann, »ich bin heute U-Bahn gefahren, da war ich zehnmal schwarz und zwölfmal wieder weiß und einmal, ich weiß nicht genau.«

Markus Kavka ist sicher noch nie schwarz geschminkt nachts durch Lichtenberg gelaufen und wird das auch tunlichst sein lassen, aber auf dem Plakat kann er behaupten, schwarz zu sein. War Herr Wowereit schon mal auf dem Ausländeramt, ich meine als Antragsteller? Außer in Brandenburg. Und auch da würde er wohl kein Asyl mehr kriegen. Wowereit ist in Berlin geboren, der ist nicht migriert, der ist umgezogen, von Lichtenrade nach Charlottenburg, in eine größere Wohnung.

Herr Wickert, was würde wohl ein Rabbi zu Ihnen sagen, kämen Sie mit der Behauptung: »Ich bin Jude« zu ihm? Gut, zunächst ist jeder Jude, der sich zum Judentum bekennt. Ist der Rabbi orthodox, würde er verlangen, dass Herr Wickert wenigstens konvertiert oder nachweist, dass Mutter Wickert jüdisch ist. So oder so, im jüdischen Glauben gibt es jedenfalls keinen Ein-Aus-Schalter. Klick, jetzt bin ich Jude, klack, jetzt nicht, klick, jetzt wieder doch. Da ist es wahrscheinlich einfacher, Muslim zu werden, da genügt nämlich das einfache Glaubensbekenntnis – und man muss sichnatürlich wie bei jeder ordentlichen Religion schön an die Regeln halten. Aber das ist immer noch einfacher, als Türke zu werden, denn das heißt, die türkische Staatsbürgerschaft anzunehmen und die Türken lassen auch nicht jeden so einfach in ihr Land. Was würde passieren, wenn Herr Krumbiegel zu einem jungen Türken in Neukölln spräche: »Ich bin Türke«? Vielleicht würde dieser antworten: »Erstens heißt das Isch. Und zweitens: Wenn Du das nochmal sagst, ich mach Dich Döner, Du kleiner, fetter Sachse.«

Ich weiß schon, was diese Kampagne soll. Irgendwas mit Solidarität. Und gegen Feindlichkeit. Aber ich glaube, Herr Kavka ist ganz froh, nicht schwarz zu sein, hier in Berlin und nicht abends Angst haben zu müssen, wenn er im Dunkel nach Hause geht. Ich unterstelle mal, er kann es sich gar nicht vorstellen, wie es ist. Ich kann es mir nicht vorstellen. Aber ich behaupte es auch nicht. Ich weiß nicht, wie es ist, Kriegsflüchtling zu sein und in ein fremdes, wenn auch reiches Land, migrieren zu müssen. Ich weiß nicht, wie es ist, beschimpft zu werden, weil ich jüdischen Glaubens bin. Obwohl … ich bin auf der Straße mal von einem Passanten als Judenschwein beschimpft worden. Ich nehme mal an, der Mensch hatte was gegen Juden. Mich hat das nicht zum Juden gemacht. Mich hat das eigentlich zu nichts anderem gemacht, als ich schon vorher war. Ein Atheist. Gottseidank! Aber da hingen auch die Plakate noch nicht.

Warum nicht ehrlich gemeinte Plakate mit Bushido: »Ich bin tempelhofer Tunesier. Hast Du ein Problem damit?« Oder Westerwelle: »Ich bin schwul. Wenn Dir das nicht passt, geh doch ins Ausland.« Oder Rösler: »Ich bin Parteivorsitzender. Mach doch was dagegen, wenn Du dich traust.«

Warum nicht einfach: »Ich bin gegen Rassismus.« – »Ich bin gegen Ausländerfeindlichkeit.« – »Ich bin gegen Nazis.« Zu plakativ. Verstehe.

Was, wenn Mezut Özil (übrigens ein in Deutschland geborener Deutscher mit deutscher Staatsangehörigkeit) sein Gesicht zeigen würde, mit dem Text: »Ich bin Deutscher. Wenn Du gegen Deutsche bist.« Das wäre doch eine wunderbare Werbung für die NPD. Ja, was denken eigentlich die antisemitischen, ausländerfeindlichen, homophoben Nazis? Stehen die vor einem Wowereit-Plakat und sagen: »Oh, ach so, na, wenn das so ist, wenn unser netter Herr Bürgermeister auch Migrant ist, dann werden wir unsere Position wohl mal überdenken.« Oder sagen sie achselzuckend: »Okay, einer mehr zum verkloppen.«

Ich weiß jedenfalls, was ich bin: Ich bin verärgert. Und das ist noch milde ausgedrückt. Der Verein Gesicht zeigen macht wahrscheinlich sonst gute Arbeit, ich will dem ja nichts böses unterstellen. Ich bin verärgert über schlecht durchdachte Werbekampagnen von Gutgemeintmenschen für B-Promis mit Imagedefiziten. Und wenn die ganze Intoleranz und Feindlichkeit endlich vorbei ist, dann dürfen alle wieder heterosexuelle, weiße, deutsche Christen sein.

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