Das Caféhausstipendium

Vor einiger Zeit hat in Berlin ein besonders teures Caféhaus eröffnet. Hier soll sich ein neuer künstlerischer Treffpunkt etablieren – in einer Stadt, wo man in jedem halbwegs gemütlichen Café mindestens zwei Literaten treffen kann und die Tasse Kaffee nicht vier Euro kostet. Allein in meinem Stammcafé, das ich hier nicht verrate, kann man außer mir an guten Tagen mindestens zwei andere Schriftsteller treffen und dazu noch die Ex-Sängerin von Wir sind Helden, sowie zwei bis drei Schauspieler, die ich nicht kenne, die aber auf Facebook mit dem Café befreundet sind. Es gibt Cafés in der Stadt, würde man dort die sprichwörtliche Bombe hineinwerfen, rottete man damit die halbe Berliner Literaturszene aus.
Damit sich in dem neuen, teuren Caféhaus nun ein künstlerisch-literarischer Epizentrum etablieren kann, wurde ein Stipendium ausgeschrieben: fünfzehn Schriftstellerinnen und Schriftsteller dürfen drei Monate lang im teuren Caféhaus arbeiten. Nicht kellnern, wie die anderen literarisch tätigen Kolleginnen und Kollegen, sondern schreiben. Im Caféhaus sitzen und schreiben. Die sonst vier Euro teure Tasse Kaffee gibt es gratis. Das freut mich natürlich umso mehr, da ich selbst es war, der auf diese Idee kam, schon vor einigen Jahren. Eines Tages dachte ich so bei mir: es müsste ein Stipendium geben, wo man in einem Café sitzen, öffentlich arbeiten und dafür den Kaffee umsonst kriegen könnte. Ich erzählte Freunden davon und irgendwie musste sich das herumgesprochen haben, bis zum teuren Caféhaus.
Also sitze ich jetzt fast jeden Tag im Caféhaus und trinke gratis Kaffee. Und schreibe. Denn natürlich ist es gern gesehen, hier vor Ort, sozusagen live neben den vielleicht späteren Leserinnen und Lesern am nächsten Roman zu arbeiten. Damit die anderen Gäste einen lebendigen Schriftsteller beim Dichten beobachten können.
Diskret, versteht sich, denn das Caféhaus ist ein gehobenes Etablissement, die Gäste lugen lediglich ab und zu verstohlen herüber und tuscheln dann verhalten. Treiben sie es zu wild, kommt der Kellner, stellt ein Absperrband um den Tisch des Schriftstellers und stellt ein Schild dazu: »Autor arbeitet, bitte nicht necken«. Wie im nur einen Katzenwurf entfernten Zoo.
Aber so arg ist es nicht. Denn meist ist es nicht sehr voll im Caféhaus. Schon gar nicht so voll wie in meinem Stammcafé, dessen Name ich hier nicht verraten will, weil es jetzt schon so voll ist, dass ich manchmal draußen warten oder später wiederkommen muss.
Nein, im Caféhaus ist es leer. Manchmal bin ich der einzige Gast und die zwei Kellnerinnen und zwei Kellner prügeln sich diskret hinter dem Tresen darum, wer mich bedienen darf. Oder sie würden es, wenn es erlaubt wäre, denn das Caféhaus ist ja ein gehobenes, also pieksen sie sich stattdessen hinterrücks mit Kuchengabeln. Der Sieger kommt dann mit einem, nur leidlich mit einem Buttercremetörtchen kaschierten blauen Auge an meinen Tisch und flüstert: »Wie immer, ein Kännchen Kaffee?« und ich nicke diskret, aber gütig.
Hin und wieder erlaube ich mir einen kleinen Scherz und bestelle warme Milch zum Kaffee statt kalter oder kalte statt warmer. Oder ich lasse mir die fünfzigseitige Menükarte geben, studiere sie aufmerksam und bestelle dann doch nur wieder – ein Tässchen Kaffee.
So leer ist es im Caféhaus, dass eine Schriftstellerkollegin, die ebenfalls am Stipendium teilnimmt, die kurz nach mir unser luxuriöses Großraumbüro betritt, ungeniert ausrufen kann: »Boah, ist das leer hier!«, ohne jemanden zu stören. Und der Schriftstellerkollege, der eine Stunde später kommt, wundert sich ebenfalls laut. Und der Kollege, der eine weitere Stunde später kommt, fragt: »Ey, seid ihr die einzigen?«
Sinn dieses öffentlichen Arbeitens ist ja nicht nur, dass uns das – wenn auch reiche, so doch einfache – Volk bei der Arbeit beobachten kann, sondern, dass wir Schriftsteller uns vom regen Treiben im Café zu einer Geschichte inspirieren lassen sollen. In Ermangelung echten regen Treibens beobachte ich aber meist die Kollegen beim Schreiben, oder besser: Ich beobachte die Kollegin, wie sie den Kollegen beim Beobachten des anderen Kollegen beobachtet, der dauernd zu mir herüber schaut.
Dann, nach ein paar Stunden, nach einem oder zwei Kännchen Kaffee, einer Tasse Kaffee, einer Tasse heißer Schokolade und einem doppelten Espresso (im Gesamtwert von über zwanzig Euro) mache ich Feierabend. Ich muss zugeben, zu Beginn des Caféhausstipendiums war es für mich ungewohnt, zu gehen. Die wenigen Gäste, die sich doch ab und zu mal an den einen oder anderen Nebentisch verirrten, verlangten nach der Rechnung, die sie diskret in einem kleinen Büchlein bekamen und ebenso diskret beglichen. Doch wie zahlt man, wenn man nicht zahlen muss?, fragte ich mich. Sollte ich einfach so gehen? Sollte ich den Kellner rufen und vielleicht mit einem leicht wienerischen Akzent säuseln: »Herr Ober, ich möchte nicht zahlen.« Oder: »Kellner, ich hätte dann gern nicht die Rechnung.« Sollte ich einfach so gehen, wenn keiner kuckt und bei meinen Tischnachbarn den Eindruck hinterlassen, die Zeche zu prellen? Und wie gibt man Trinkgeld auf eine Summe, die gar nicht existiert, wie viel sind zehn Prozent von Null? Ich weiß es, denn ich hatte Mathe-Leistungskurs. Es ist Null. Aber dieses Wissen macht mir die Sache nicht eben leicht.
Mittlerweile habe ich mich an mein Schnorrerdasein gewöhnt. Ich stehe auf, packe meine Sachen zusammen und schlendere mit einem leicht hin geworfenen: »Bis morgen dann« aus dem Café.
Ich habe nur ein bisschen Angst vor dem Tag, wenn das Stipendium zu Ende ist und ich meinen Kaffee wieder selbst bezahlen muss. Aber falls Sie Interesse haben, komme ich auch gern zu Ihnen nach Hause und arbeite dort, gern auch in der Küche.

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