Es besteht keine Gefahr!

Wir sind paranoid. Sagt unser ehemaliger Innenminister Schily. Der sagt, die Furcht vor dem Staat trage teilweise wahnhafte Züge. Und er hat recht. Denn selbst, wenn es nicht so sein sollte, dass man genau dann nicht überwacht wird, wenn man sich überwacht glaubt, so gibt es doch gerade jetzt keinen Grund mehr, paranoid zu sein – wo wir doch wissen, dass wir überwacht werden. Und doch sind wir es. Da muss man auf uns aufpassen. Denn wir werden ja nicht überwacht, wir werden beschützt. Damit jede Gefahr von uns abgehalten wird. Wir werden beschützt, auch vor uns selbst. Gerade vor uns selbst. Denn alle Gefahr geht vom Volke aus. Wer könnte eine größere Gefahr für uns darstellen als wir selbst? Jetzt, wo wir paranoid sind. Was wäre da sicherer, als wenn jeder von jedem alles weiß? Dann könnte niemand mehr was böses tun und alle wären sicher.
Natürlich spionieren unsere Geheimdienste nicht uns aus. Die lesen das ja auch nicht. Die sammeln nur. Das ist nicht paranoid, Daten von Millionen von Menschen zu sammeln, nur für den Fall … Daten, die wir sowieso freiwillig hergeben. Am Telefon. Im Internet. Passwörter. Unsere Kontodaten. Tag für Tag. Fremden Menschen. Fremden Firmen. Aber unserem eigenen Staat, unserem eigen Fleisch und Blut, dem trauen wir nicht über den Weg. Das hieße doch, wir trauten uns selbst nicht über den Weg. Das ist schon ein bisschen paranoid.
Es ist Eigenverantwortung gefragt. Das hat schon unser ehemaliger Innenminister Friedrich gesagt. Er hat gesagt, wir müssen unsere Daten selbst schützen. Vor den Amerikanern, vor den Engländern, vor Google, vor unserem Provider, der uns überhaupt erst ins Internet lässt. Vor der Telekom, denn die arbeitet mit der NSA zusammen. Die Telekom, ein ehemaliger Staatsbetrieb – jetzt eine moderne Aktiengesellschaft, die zu 32% in Staatsbesitz ist (15% gehören direkt dem Bund und 17% gehören der Kreditanstalt für Wiederaufbau, und die gehört zu 80% dem Bund und zu 20% den Länder), natürlich nicht dem Bund selbst, sondern dem Bundesministerium für Finanzen, dessen amtierender Chef unser ehemaliger Innenminister Schäuble ist. Vor dieser Firma sollen wir unsere Daten schützen, hat unser ehemaliger Innenminister Friedrich gesagt. Also vor dem Staat. Aber ohne, dass wir uns verfolgt fühlen. Denn das wäre ja paranoid. Sagt unser ehemalige Innenminister Schily.
Wir sollen unsere E-Mails verschlüsseln. Das dürfen wir auch ganz ungestraft machen. Da steht dann am nächsten Tag auch nicht die Polizei vor der Tür und fragt, wieso wir plötzlich unsere E-Mails verschlüsseln und wieso der BKA plötzlich keinen Zugriff auf die Festplatte mehr hat.
Oder wir schicken die Mails mit dem total sicher verschlüsselten ePostbrief, einem Service der Deutschen Post, dem ehemaligen Staatsbetrieb – jetzt eine moderne Aktiengesellschaft, die immer noch zu 24,9% in Staatsbesitz ist (die gehören der Kreditanstalt für Wiederaufbau, und die gehört zu 80% dem Bund und zu 20% den Ländern). Der ePostbrief ist eine E-Mail, die Porto kostet. Und wenn man an jemanden einen ePostbrief schickt, der keine ePostbrief-Adresse hat, dann druckt die Post die E-Mail aus und schickt sie als Brief. Das war 2007 noch ein Aprilscherz von Google. Jetzt ist es ein Service der Deutschen Post AG.
Die Deutsche Post schickt ihren ePost-Kunden, wenn sie im Urlaub sind, die Briefe sogar hinterher, damit die nicht den Briefkasten verstopfen. Die Briefe werden geöffnet, eingescannt und per ePostbrief-Mail aufs Handy geschickt. Natürlich muss man der Deutschen Post sagen, dass man verreist ist. Noch. Vielleicht erfährt sie es auch aus einem ePostbrief ans Reisebüro.
Vielleicht wird der ePostbrief auch bald überall Pflicht. Denn Personal ist teuer und für 60 Cent trägt ja kaum noch ein Postbote die Briefe aus. Dann kann sich der Postbote seine Post vom Jobcenter persönlich abholen. Oder sie wird ihm zugemailt. Wenn er ein ePostbrief-Konto hat. Denn wenn er keins hat, wird sie ihm per Post geschickt. Aber die trägt dann ja keiner mehr aus.
Natürlich ist es ein Zufall, dass es in Deutschland letztes Jahr zwei große Kampagnen gab. Eine warb für Organspende. Die andere für die Deutsche Knochenmarkspenderdatei. Man konnte sich als Stammzellenspender registrieren lassen. Ob man für eine Knochenmarkspende in Frage kommt. Gegen den Blutkrebs. Einfach an einem Wattestäbchen lecken. Natürlich könnte damit eine bundesweite Gen-Datenbank aufgebaut werden. Aber natürlich hat niemand vor, eine bundesweite Gen-Datenbank aufzubauen. Gegen Blutkrebs.
Natürlich steht morgen nicht die Polizei bei uns vor der Tür, nur weil Frau Merkel Blutkrebs hat und einer von uns zu den wenigen in Frage kommenden Stammzellen-Spendern gehört. Oder weil Herr Schäuble einen neuen Darmausgang braucht. Wer ist schon freiwillig Organspender von Darmausgängen? Nein, die Polizei steht morgen nicht vor der Tür. Und auch nicht die Bundeswehr, auch wenn sie’s dürfte, gemäß Artikel 87a Abs. 4 GG in Verbindung mit Artikel 91 Abs. 2 GG, wegen Gefährdung des Bestands der Bundesrepublik in dem Rahmen, wie ihn das Grundgesetz durch die Notstandsverfassung vorsieht. Denn wenn ein Mitglied einer demokratische gewählten Regierung in Gefahr ist, sei es durch einen Terroranschlag oder eine Krankheit, wenn etwa die Kanzlerin krank ist oder der Wirtschaftsminister ein Arschloch braucht, dann ist die Demokratie in Gefahr, dann ist der demokratische Staat in Gefahr. Aber vielleicht klingeln auch nur ein paar Kollegen vom Gesundheitsministerium. Vielleicht sind wir nur in schlechter Verfassung und vielleicht ist in unserer Nachbarschaft Ebola ausgebrochen. Das kann für Erwachsene ja tödlich ausgehen. Dann müssen wir in Quarantäne. Das ist kein Einsperren. Das ist Schutz, denn wenn einer niest, ist die Demokratie in Gefahr.
Nein, das wird nicht passieren. Denn wir sind ja kein Unrechtsstaat. In Deutschland kann man Menschen nicht einfach grundlos von der Straße wegfangen und einsperren – wo doch ein Grund oftmals so schnell gefunden wäre: Zum Beispiel, wenn man am 1. Mai (oder wenn ein Staatsgast in der Hauptstadt ist) irgendwohin unterwegs ist. Da könnte man ja unterwegs zum Steinewerfen oder Autoanzünden sein. Oder wenn man am 1. Mai (oder wenn ein Staatsgast in der Hauptstadt ist) unterwegs nach Hause ist. Da könnte man ja gerade vom Steinewerfen kommen oder vom Autoanzünden. Da könnte man dann schon mal für ein paar Stunden eingesperrt werden. Mit Grund. Und in ein paar Stunden könnte man viel über jemanden herausfinden. Im Internet. Und was man so auf dem Computer hat. Und was man so an E-Mails schreibt. Und an wen. Und mit wem man telefoniert.
Aber wir haben ja nichts zu befürchten. Jedenfalls nicht, wenn wir nichts zu Verbergen haben. Und wir haben ja nichts zu verbergen.
Und selbst, wenn wir hätten. – Wir könnten es gar nicht mehr.
Und selbst, wenn wir könnten. – Das wäre ja paranoid.

Advertisements

hinterlasse einen kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s