Der Hund und die Krähen

Eines Morgens ging ein Mann mit seinem Hund die Straße entlang. Es war noch früh, kein Mensch war zu sehen, der Mann ließ seinen Hund hier und da schnüffeln, seine Gedanken schweiften und er achtete nicht besonders auf den Weg. Da schoss der Hund plötzlich nach vorn und schnappte nach etwas kleinem, schwarzen – einer Krähe, kleiner als die anderen, die der Mann sonst täglich in der Stadt sah. Still hatte sie neben einem Baum gesessen, bis sein Hund sich auf sie gestürzt und nach ihr geschnappt hatte. Der angeleinte Hund, ließ, da der Mann nun »Aus! Aus!« rief, von ihr ab, sie hüpfte davon und in Sicherheit.
Der Hund, das wusste der Mann, hasste Krähen. Tauben mochte er nicht, Spatzen interessierten ihn nicht, Amseln ließ er in Ruhe, doch Krähen hasste er. Und war er nicht angeleint, so jagte er ihnen auch stets hinterher. Stets vergeblich, denn Krähen sind schnell und können fliegen, diese kleine Krähe jedoch nicht. Sie war noch jung und sollte das Fliegen erst lernen. Nun lernen junge Krähen das Fliegen nicht allein, die Eltern passen auf – und wird ihr Kind angegriffen, so verteidigen sie es. Das liegt in ihrer Natur. Zwei große, erwachsene Elternkrähen flogen nun im Sturzflug auf den Hund und den Mann, der machte, dass sie davon kamen.
Ja, der Hund hasst Krähen. Seit jeher. Er war ein Hund. Vielleicht lag in seiner Natur. Vielleicht lag es daran, dass Krähen ihn schon immer geärgert haben. Krähen sind intelligente Tiere, sie spielen gern. Es liegt in ihrer Natur. Auch mit Hunden, von denen sie sich jagen lassen. Oft hatte der Mann gesehen, wie eine Krähe wie krank und flügellahm über eine Wiese hüpfte, um sich von seinem Hund fangen zu lassen, dann aber doch noch in letzter Sekunde aufzufliegen und von einem hohen Baum auf den bellenden Hund hinunter zu schauen. Das mochte lustig sein, wenn man eine Krähe ist, der Hund hasst es. Der Hund hasste Krähen.
Aha, wird nun der eine oder andere Leser denken, was für eine wunderbare Fabel oder Parabel auf die Flüchtlingskrise, auf den Fremdenhass. Und auch ich fragte mich auf dem Heimweg (denn natürlich war mir das alles passiert, mir und meinem Hund), ob das Erlebte als Gleichnis taugen konnte.
Die Krähen als Flüchtlinge, die Hunde als besorgte Bürger, die jene, Krähen oder Fremde, nicht in ihrer Nähe haben wollten. Die Flüchtlinge können, wie die Krähen, nicht aus ihrer Haut heraus. Die einen müssen fliehen, die anderen fliegen. Sonst sterben sie.
Und die Hunde! Sie sind laut und hassen die Krähen, die Fremden, sie wollen sie vertreiben, ja, sogar töten. Natürlich kann man einen Hund erziehen, dass er keine Krähen mehr jagt, und man kann ihn festhalten, anleinen. Er wird vielleicht nicht verstehen, weshalb er festgehalten wird, aber vermutlich wird er nicht aufhören, die Krähen zu hassen, wird sie nur nicht mehr jagen. Kann man den besorgten Mitbürger erziehen? Ihn anleinen, festhalten? Wird er dann aufhören, die Fremden zu hassen oder hasst er sie nur umso mehr? Liegt es einfach in seiner Natur? Kann er sich nicht ändern?
Nein, dachte ich, als ich die Haustür aufschloss, vielleicht eignet sich doch nicht alles zur Parabel.

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