Über den Umgang mit Lektoren

Juhu! Das Buch ist fertig. Der Verlag hat die erste Rate des Vorschusses ist überwiesen, alles ist schön.
Doch dann kommt der dicke Briefumschlag oder die Mail mit dem Text. Vom Lektor. Er wimmelt. Der Text. Nicht der Lektor. Vor Anmerkungen, Änderungen, Korrekturen, Streichungen. Du musst Dich erstmal setzen. Vielleicht bist Du ja Schmökerautor und trägst zudem ein Pseudonym. Dann ist alles ganz einfach. Ruf Deinen Lektor an und sage: »Ja, alles in Ordnung, kann so in Druck.«
Vielleicht bist Du aber auch Literat oder gar Lyriker. Dann hast Du jetzt viel Arbeit vor Dir. Viele Stunden wirst Du jetzt noch einmal mit Deinem Buch zubringen und dein Stundenlohn von 31 Cent wird auf 12 Cent fallen.
Du willst zum Telefon greifen und jemanden zusammenschreien. Den Lektor. Doch halte inne!
Denn jetzt ist eine gute Gelegenheit, erst einmal die folgenden Hinweise zu lesen.

1. Ruhe in Dir
Such Dir eine schöne Ecke oder Wand in Deinem Zimmer. Hole tief Luft. Lies Dein Buch aufmerksam und in Ruhe. Wahrscheinlich wirst Du die Ruhe nicht haben, denn die Zeit drängt. Nachdem das Manuskript zehn Monate im Verlag lag, muss jetzt alles ganz schnell gehen. Du hast noch dreihundert Seiten voller Anmerkungen vor Dir. Morgen geht es in den Satz. Du willst doch den Herstellungstermin nicht in Gefahr bringen. Und damit den Drucktermin. Und damit den Erscheinungstermin. Du bist doch auch für den Frieden, Genosse!
Mach Dir einen Kaffee. Nein, mach Dir keinen Kaffee, dazu ist keine Zeit. Bestell Dir einen Kaffee.

2. Sei demütig
In Deinem Verlag erscheinen noch andere Bücher. Ganz viele. Vielleicht 365 im Jahr. Das ist pro Tag eins. Zieht man die Wochenenden und die Feiertage und die Mittagspausen ab, bleiben gerade einmal 231 Arbeitstage übrig. Von den vielen Konferenzen und Messebesuchen ganz zu schweigen. Für 365 Bücher. Das sind 4,4 Stunden Lektorat für Dein Buch, das sind 264 Minuten, vielleicht gerade mal soviel, wie Dein Buch Seiten hat.

3. Sei dankbar
Dein Lektor hat trotz der wenigen Zeit ganz viele Fehler in Deinem Buch gefunden, die Du! – auch nach mehrmaligem Überarbeiten! – nicht gefunden hast! Rechtschreibfehler – und Du weißt, wie schlecht Du in Orthografie bist – Zeichensetzung, auch inhaltliche Fehler.
Außerdem ist Dein Lektor vielleicht der einzige Mensch, der Dein Buch gelesen hat. Abgesehen von Papa und Mama.

4. Sei kämpferisch
Nimm Dir die Meinung Deines Lektors zu Herzen. Nicht zu sehr zu Herzen allerdings. Nicht alles, was Dein Lektor anstreicht, muss falsch sein. Du darfst anderer Meinung sein. Wenn Du eine der Änderungen nicht möchtest, tu dies kund. In netter Form. Sag, dass Du das nicht möchtest. Sag, dass Du diese Textstelle so behalten möchtest, wie sie ist. Und die auch und die auch. Denn letztlich steht Dein Name auf dem Buchtitel, nicht der Name des Lektors.

5. Sei friedfertig
Keine Gewalt. Wenn Du etwas schlagen willst, schlage etwas vor.  Vielleicht ist jetzt auch der Moment gekommen, um die Wand anzuschreien, die du dir vorhin ausgesucht hast. Die Wand kann es aushalten. Dein Lektor nicht. Er ist ein Mensch wie Du. Und sensibel. Vielleicht nicht so sensibel wie Du. Du bist immerhin Künstler geworden, weil Du so sensibel bist. Er ist nur Lektor. Ein ehrenwerter Beruf. Aber eben nur ein Beruf.

6. Sei nachsichtig
Niemand hängt so an Deinem Buch wie Du. Schon gar nicht Dein Lektor. Er hat einen objektiveren Blick auf Deinen Text als Du. Hoffentlich. Aber auch nicht mehr. Bedenke dies. Dein eigenes Kind liebst Du ja auch wie niemand sonst, alle anderen finden es nur süß. Hoffentlich.

7. Erwarte nichts
Es mag sein, dass Dein Lektor den Text nicht versteht. Dann hast Du – drücken wir es einmal so aus – Pech gehabt. Schade eigentlich. Vielleicht fragst Du Dich, wieso Dein Lektor Dein Buch vor langer, langer Zeit einmal ausgewählt hat, um es veröffentlichen zu lassen. Frag dich das später, dazu ist jetzt keine Zeit.
Vielleicht hast Du ein lustiges Buch geschrieben. Vielleicht teilt Dein Lektor Deinen Humor nicht. Vielleicht teilt Dein Lektor gar keinen Humor, mit niemandem. Vielleicht lektoriert er sonst Krimis oder Liebesschnulzen oder Sachbücher.
Vielleicht wärst Du bei einem anderen Verlag besser aufgehoben. Nun ist es zu spät. Der Vertrag ist unterschrieben, das Geld kannst Du auch gut brauchen. Vielleicht ist es sogar schon ausgegeben. Für Essen zum Beispiel.

8. Sei flexibel
Wenn Du mit dem Verlag zufrieden bist, nur mit dem Lektor nicht und Du wirklich und wahrhaftig der Meinung bist, Dein Lektor mache nur Murks und streiche Dir auch noch die letzte gute Stelle und das letzte bisschen Sprachgefühl aus dem Buch, mach es wie beim Arzt. Verlange eine zweite Meinung, einen anderen Lektor. Sag dem Verlag, dass Du so nicht arbeiten kannst. Das Erscheinen Deines Buches wird sich dadurch vielleicht verzögern, um ein Jahr, vielleicht um zwei.
Wenn gar nichts mehr geht – und das soll ja vorkommen – kündige den Vertrag. Vielleicht findet Du einen anderen Verlag, der Dich mit Kusshand nimmt. Vielleicht arbeitest Du dort mit einem Lektor zusammen, der Dich versteht.

9. Hab Mitleid
Denk daran: Dein Lektor wollte vielleicht auch mal Schriftsteller werden und aus irgendwelchen Gründen hat es nicht geklappt. Er hat zu früh die falsche Frau geschwängert und musste nun plötzlich Geld verdienen. Oder er wurde von zu vielen Verlagen abgelehnt und will sich nun rächen.
Und vielleicht musst Du eines Tages selbst einmal als Lektor arbeiten.

10. Schau voraus
Sei nett zu Deinem Lektor. Ihr müsst noch länger zusammen arbeiten. Wenigstens, bis das Buch erscheint. Dein Lektor kennt noch andere Lektoren. Und Programmchefs. Und Verlagsleiter. In anderen Verlagen. In anderen Ländern. Zickige Autoren sprechen sich rum. Ganz schnell.

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