Polizei

Gestern stand ich in der Schlange an der Kasse meines Stammsupermarktes, hatte meine paar Waren auf’s Band gelegt und warf lässig einen Warentrenner zwischen meine Einkäufe und die meines Vordermannes. Mein Vordermann war Polizist. Dies nahm ich jedenfalls an, denn er trug ein T-Shirt mit dem Wort POLIZEI auf dem breiten Rücken. Für einen Moment kam mich eine Skepzis an, denn solch ein T-Shirt kann sich sicher Frau Hinz und Herr Kunz fast überall kaufen. Andererseits trug dieser junge Mann weitere Polizeiassessoires an seiner Kleidung: eine Waffe, ein paar Handschellen einen Schlagstock, war also vielleicht doch kein Stripper in einem Polizistenkostüm, dachte ich. Obwohl, vielleicht war er einer, denn die Polizeiassessoires erschienen mir etwas dick aufgetragen. Und wäre es nicht lustig, er würde plötzlich einen Ghettoblaster von irgendwoher zaubern, laute Musik anmachen und – sobald er an der Reihe war – anfangen, sich lasziv auszuziehen – etwa, weil die Kassiererin Geburtstag hatte und ihre Kolleginnen sie überraschen wollten.
Aber nichts von alldem geschah.
Stattdessen warf er einen Blick über seine Schulter, zu sehen, wer da hinter ihm stünde, eine in monatelangen Schulungen antrainierte Bewegung, denn als Polizist sollte man ja stets wissen, wer da hinter einem steht – Freund oder Feind. Dann schob er den Warentrenner, der irgendwie schief zwischen seinen und meinen Einkäufen lag, gerade.
Ordnung muss sein.
Ich weiß.
Dennoch behagte mir die Sache nicht. Er war jünger als ich. Was hatte es ihn anzugehen, wie schief den Trenner zwischen unseren Waren lag. Hatte ich zu lässig agiert. Wer von uns beiden war für diesen Warentrenner eigentlich zuständig? Hatte man ihn hinter seine Waren hinzulegen? Oder war es dem nachkommenden Kunden vorbehalten, zuerst den Warentrenners und dann seine Waren aufs Band zu legen? Wer hatte den ersten Warentrenner hingelegt? Der erste Kunde am Morgen? Oder der zweite? Legte derjenige den Warentrenner hin, den es am meisten störte, dass dort keiner lag? Waren beide gleichberechtigt und der legte den Warentrenner, der zuerst daran dachte?
Der Warentrenner war natürlich weder sein noch mein Eigentum, sondern gehörte dem Supermarkt. So wie ja auch unser Geld nicht uns, sondern der Bundesbank gehört. Der Wert, den es darstellt, ist schon unser, also etwa zehn Euro, der Schein aber, der den Wert darstellt, ist nur geliehen.
Vielleicht war der junge Mann auch einfach nur sehr ordnungsliebend. Oder sehr pedantisch. Vielleicht litt er an einer Zwangserkrankung. Vielleicht musste das so sein, wenn man Polizist werden wollte.
Wir rückten vor und er zahlte.
Ohne zu strippen.

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