Es ist wieder soweit!

Terror! Krieg! Die Welt geht unter! Na, fast. Die Uhren werden umgestellt.

Und so werden wir Zeugen eines seltsamen Rituals, das sich jedes halbe Jahr, am letzten Sonntag im März und am letzten Sonntag im Oktober stets auf neue abspielt.

Wir sehen in einer x-beliebigen Fernsehsendung, wahlweise eine Nachrichtensendung oder zwei Boulevardmagazine einen Mann oder eine Frau oder gar ein Mann und eine Frau vor, hinter oder schräg neben einem Moderationstisch und im Hintergrund prangt das Bild einer Uhr. Manchmal ein wenig verschwommen-unscharf, als würden die Zeiger sich ganz schnell bewegen. Vor. Oder zurück. Je nachdem, ob März oder Oktober ist.

Und die Frau oder der Mann sagt (oder der Mann zur Frau oder die Frau zum Mann): »Heute Nacht um zwei Uhr werden die Uhren wieder umgestellt. Aber wissen Sie denn, ob vor oder zurück? Wir haben eine Straßenumfrage gemacht.« Und dann kommt die Straßenumfrage. In einer Fußgängerzone. In einer Kleinstadt. Im Hintergund ist C&A, H&M oder P&C. Der Fragesteller (wahrscheinlich der Praktikant, den sie mit der Kamera losgeschickt haben oder mit dem Mikrofon, falls er fürs Radio arbeitet – im Radio kann man natürlich auch Straßenumfragen machen) stellt die Frage: »Werden die Uhren in der kommenden Nacht vor oder zurück gestellt?« Dann werden die Antworten zusammen geschnitten. »Vor, zurück, vor, zurück, zurück, vor«, sagen die Menschen in der Straßenumfrage.

Danach sehen wir dann wieder den Mann oder die Frau  im Studio und wenn es noch einen zweiten Moderator gibt, der vielleicht für den Sport, das Wetter oder die Lottozahlen zuständig ist, wird der auch nochmal gefragt: »Weißt du denn, ob die Uhr heute Nacht vor- oder zurückgestellt wird?« Und natürlich weiß der Kollege das und sagt es auch, dass er es weiß. Und dann wird das große Rätsel gelöst.

»Ja«, sagt der Mann oder die Frau im Studio, »heute Nacht werden die Uhren vorgestellt.« Oder zurück. Je nachdem, ob es März ist oder Oktober.

Wenn die Uhr zurück gestellt wird, lacht der Mann oder die Frau im Studio und sagt, dass uns eine Stunde geschenkt werde. Muss aber die Uhr vorgestellt werden, ruft die Frau oder der Mann im Studio händeringend aus, dass uns eine Stunde gestohlen werde.

Alle Halbjahre wieder – wird Sendezeit vergeudet, werden dieselben Klischees und schiefen Bilder aufgefahren wie seit Einführung der Sommerzeit im Jahre 1980. »Hey«, sagen da die Redakteure in der Redaktionssitzung eine Woche vorher, »die Uhrumstellung naht, lasst uns eine Straßenumfrage machen. Und vergesst nicht zu erwähnen, dass uns eine Stunde geschenkt wird oder gestohlen, wie damals bei Momo. und bestellt aus dem Bildarchiv eine verschwommene Uhr für den Hintergrund. Oder was von Dalí.« Und zu runden Jubiläen gibt es auch mal ein Besuch in einem Uhrenladen (»Müssen Sie wirklich alle Uhren mit der Hand stellen? Macht das nicht viel Arbeit?«), beim Pfarrer (»Wie stellt man so eine große Kirchturmuhr eigentlich? Mit der Hand?«), oder beim Arzt (»Wie gesundheitsschädlich ist die Zeitumstellung eigentlich wirklich?«)

Alle halbe Jahre wieder.

So wie auch dieser Text hier.

Aber vielleicht diesmal zum letzten Mal. Oder vorletzten. Oder vorvorletzten.

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