Lieber Daniel F. …

… neulich las ich in der Berliner Morgenpost vom 13. Mai 2011, dass Du in der Rubrik »Berlin ist, wenn … « gesagt hast: »Berlin ist, wenn die vielen Obdachlosen lustige Sprüche bringen.«

Dazu möchte ich Dir folgendes sagen:

Mal abgesehen, dass die Formulierung: »Berlin ist, wenn …« falsch und schief ist und einem in den Ohren weh tut, weil man keinen Ort – in diesem Fall Berlin – mit einer Zeitangabe oder einem Umstand vergleichen kann, man sagt ja auch nicht »Hamburg ist, wenn der große Zeiger auf der Zwölf und der Kleine auf der Fünf steht« oder »Badezimmer ist, wenn rot-gelb kariert«, sondern »Paris ist die Hauptstadt von Frankreich« oder »Berlin ist eine Reise wert«, die ganze Rubrik also von vorn herein grammatisch betrachtet schon mal Hauptschulniveau ist (und selbst ich finde diesen Vergleich unfair – das haben Hauptschüler nicht verdient!), aber – andererseits – was will man schon erwarten. Berliner Morgenpost ist, wenn keiner richtig Deutsch kann, nicht mal der Leser, aber woher soll er’s auch haben, aus der Zeitung jedenfalls nicht.

Aber mal ganz abgesehen davon, ich möchte auf einen anderen Punkt zu sprechen kommen, lieber Daniel:

Wenn jemand von der Springerpresse vor einem steht – und zu denen gehören eben nicht nicht nur die Schreiber von Bild und BZ, sondern auch die der Berliner Morgenpost und sogar der Welt – dann macht man am besten nicht den Mund auf. Nicht mal, wenn man nach der Zeit oder dem Weg oder nach Weg durch Zeit gefragt wird. Wenn jemand von der Springerpresse vor einem steht, dann macht man allerhöchstens den Mund auf, um zu sagen: »Verpiss Dich!«. Wenn jemand von der Springerpresse vor einem steht, sagt man schon gar nicht: »Berlin ist, wenn die vielen Obdachlosen lustige Sprüche bringen.«

Nun möchte ich der Springerpresse gern alles mögliche unterstellen, von Nötigung über Kinderschubsen bis hin zum Unterschieben von Äußerungen, die man nie gesagt hat. Und auch in Deinem Fall möchte ich gern davon ausgehen, dass Du diesen Satz so nie gesagt hast, dass er völlig aus dem Zusammenhang gerissen wurde, dass Du wahrscheinlich gesagt hast: »Mir tun die vielen Obdachlosen total leid, ich wünschte mir, dass die alle vom Staat eine kostenlose Unterkunft und ganz viel Geld bekommen würden und nicht nur vermeintlich lustige Sprüche. – Ho Ho Ho Chi Min« oder etwas ähnliches.

Aber neben dem Spruch mit den lustigen Obdachlosen steht ein Foto von Dir mit Name und Alter, und dass du Student bist. Und ich frage mich, was Du studierst? Scheißereden am Institut für Assozialwissenschaften an der Universität von Kackstadt vielleicht?

Und zu alldem lachst Du in die Kamera. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Foto zufällig entstanden sein soll, dass ein Reporter der Berliner Morgenpost die Straße entlang flaniert ist, unbemerkt ein Foto von dir gemacht hat, unter einem Vorwand deinen Namen, dein Alter und deinen Beruf in Erfahrung brachte und dass in einem anschließenden, harmlosen Gespräch dieser oder ein anderer folgenschwere Satz fiel, ohne, dass du ein Mikrofon bemerkt hast oder dass dein Gegenüber alles fleißig mitgeschrieben hat. Ich kann mir eher vorstellen, dass ein Berliner-Morgenpost-Reporter mit einer Fotokamera vorm Bauch die Straße entlang kam, dich ansprach, etwa so: »Hallo, ich bin von der Berliner Morgenpost, wir haben da diese kleine Rubrik Was ist Berlin, wo wir Leute von der Straße befragen, was Berlin für sie ist. Könnten Sie mir vielleicht folgenden Satzanfang vervollständigen: Berlin ist, wenn … – Sie kommen auch mit Foto in die Zeitung.« Und du hast gedacht: »Mit Foto in die Zeitung, geil! Ich war noch nie mit Foto in die Zeitung.« Und du hast ja gesagt und still gehalten, als sie dir die Kamera ins Gesicht gehalten haben. Und dann hast du über einen Satz nachgedacht und dich daran erinnert, dass du am Vormittag am Eingang zum U-Bahnhof ein paar Obdachlosen gesehen und einem sogar eine Münze Geldes gespendet hast, worauf dieser vielleicht gesagt hatte: »Ey, so wenich!« und der andere: »Und, wat is mit mir?«, und du hast vielleicht sogar geantwortet und gesagt: »Ich bin leider nur ein armer Student und kann nicht so viel geben« und der dritte Obdachlose rief dann: »Student, am Arsch, verpiss dich«, und du bist weitergegangen und hast noch gedacht: »Hihi, Student, am Arsch, was für ein lustiger Spruch» und all das fiel dir wieder ein und du sagtest auf die Frage des Springerpressemannes (oder der Springerpressefrau): »Berlin ist, wenn die vielen Obdachlosen lustige Sprüche bringen.« So etwa vermag ich mir das vorzustellen.

Und jetzt meine Frage: Dir ist schon bewusst, dass dieser Satz eine Spur von Menschenverachtung in sich trägt, oder? Dir ist schon bewusst, dass Obdachlose Menschen ohne Wohnung sind? Dir ist schon bewusst, dass Obdachlose nachts auf der Straße schlafen, kein Geld und keine Arbeit haben, nicht krankenversichert sind, sich kein Biogemüse kaufen können oder einen Latte Macchiato, und auch nicht einmal pro Woche ins Kino gehen? Dir ist schon bewusst, dass es in Berlin geschätzte 11.000 Obdachlose gibt? Und dass es jedes Jahr mehr werden, auch wenn jeden Winter immer mal wieder welche erfrieren?

Ich hab mir dein Foto jetzt in meine Brieftasche gesteckt, und wenn ich dich irgendwann mal treffe, dann kannst Du nächstes Mal der Berliner Morgenpost sagen: „Berlin ist, wenn ich von Michael-André Werner für meinen dummen Spruch einmal ordentlich …“

Herzlichst, Dein
Michael

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Ein Kommentar

  1. ichmachdashiernichtzumspass

    Seit dem 1. Mai 2014 gehört die Berliner Morgenpost nicht mehr zum Axel-Springer-Verlagskonzern, sondern zur Funke-Mediengruppe. Dies nur, falls jemand sagt: »Aber die Berliner Morgenpost gehört doch gar nicht zum Axel-Springer-Verlagskonzern!«. Gehörte sie aber mal. Und damals erschien auch die Rubrik »Berlin ist, wenn…«

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