Liebe Eltern von Umut,

neulich sah ich Ihren Sohn auf einem Plakat der Aktion »Rock your Life«. Er sitzt an einem Schreibtisch und unter dem Foto steht in großen Lettern der Satz: Ich will Kai Diekmann werden.

Mir stellt sich die Frage: Wussten Sie davon, dass Umut Kai Diekmann werden will? Oder hat Ihr Sohnemann Sie mit dieser Aktion überrascht? Sollte letzteres der Fall sein, möchte ich Sie bitten, ihrem Sohn einmal kräftig den Hosenboden stammzuziehen, und ihn danach zwecks Zwangsheirat in ein Herkunftland Ihrer Wahl zurück zu schicken.

Sollten Sie allerdings von der Aktion gewusst haben – was mir wahrscheinlicher erscheint – dann werde ich Sie gleich morgen beim Jugendamt anzeigen, auf dass Ihnen das Sorgerecht entzogen wird.

Dachten Sie, Sie erhalten den Buschkowski-Sarrazin-Preis für die gelungenste Integration 2013. Hat Ihnen auf der Ausländerbehörde niemand gesagt, dass man, um Deutscher zu werden, nicht zwangsläufig auch ***************** werden muss?

Möglicherweise sind Sie dem Irrtum aufgesessen, Kai Diekmann sei der Erfinder der Schokoküsse. Da muss ich sie enttäuschen: Das war Herr Dickmann. Zugegeben, das klingt ähnlich. Und zu Ihrem leicht moppeligen Sohn würde der Spruch: »Ich will ein Dickmann werden« eher passen.

Ihr Sohn kann gar nicht Kai Diekmann werden. Kai Diekmann ist nämlich schon Kai Diekmann. Kai Diekmann ist der Chefredakteur der auflagen- und meinungsstärksten Tageszeitung Deutschlands, der BILD (es fällt mir schwer, an dieser Stelle das Wort »Zeitung« zu verwenden, denn laut einer Studie der Otto-Brenner-Stiftung ist die BILD gar keine Zeitung, sondern tut nur so (sehen Sie hierzu auch: http://www.bild-studie.de).

Das Hauptziel der BILD ist es, Geld zu verdienen. Die BILD warb jahrelang für erschwingliche Produkte, die den Begriff VOLK in ihrem Namen trugen und mit dem schwarz-weiß-roten VOLKS-Logo werben durften: da gab es die VOLKS-Zahnbürste, das VOLKS-Fahrrad, das VOLKS-Handy, die VOLKS-Waschmaschine, den VOLKS-Computer, die VOLKS-Bibel (interessanterweise gab es keinen VOLKS-Koran) und wenn Ihnen bei dieser Aufzählung der VOLKS-Wagen und der VOLKS-Empfänger in den Sinn kommt, möchte ich Sie an dieser Stelle dringend ermahnen, derartige Nazi-Vergleiche – und finden Sie auch nur in Ihrem Hinterkopf statt – gefälligst zu unterlassen! Die gleichgeschaltete Presse von 1933-1945 war gezwungen, das das Regime zu unterstützen. Die BILD ist ihr eigenes Regime und will nur Geld verdienen und Meinungsmacht. Und da ist es der BILD und ihren Machern (es fällt mir sehr schwer an dieser Stelle das Wort »Journalisten« zu verwenden) egal, dass sie zu diesem Zweck Nachrichten erfinden, Familien zerstören, Menschen verleumden, in den finanziellen Ruin stürzen und in den Selbstmord treiben …

Konnte sich Umut kein richtiges Vorbild aussuchen? Ein Friedensnobelpreisträger etwa, die gibt’s doch mittlerweile wie Sand am Meer, da hätte sich doch einer finden lassen! Oder ein Arzt, ein Krebsforscher, Tierschützer, Umweltaktivist. Meinetwegen eine ganze Gruppe: »Ich will Greenpeace werden.«

Aber Kai Diekmann? Kai Diekmann, der Ober-Menschenverachter der Nation? Das mag eine Leistung sein, aber keine, auf die man Stolz sein muss. Kai Diekmann ist nicht der neue Messias, selbst wenn der Spiegel (der jetzt den Ex-Diekmann-Stellvertreter Nikolaus Blome als Mit-Chefredakteur bekommt und sich dann vielleicht SpiegelBILD nennt), selbst wenn der Spiegel in einer großen Reportage diesen Eindruck zu erwecken versuchte, als Kai Diekmann für ein Jahr im Silicon Valley weilte, um die Möglichkeiten der neuen Medien zu erkunden. Selbst wenn Kai Diekmann jetzt mit Schlabber-T-Shirt, Sandalen und Vollbart herumläuft, ist er weder Hipster noch Jesus, sondern immer noch der BILD-Chefredakteur, der bei seiner Ankunft in der Heimat persönlich vom FDP-Vorsitzenden Philipp Rösler in den Arm genommen und geknuddelt wurde.

Ich muss an dieser Stelle gestehen: Auch ich habe schon mal für eine Spinger-Zeitung gearbeitet. Als Urlaubsvertretung. Ich musste Artikel in die Lücken zwischen die Werbung setzen und so lange kürzen, bis sie hinein passten. Nichts anspruchsvolles, vor allem Handwerk.

Meine damaligen Kolleginnen und Kollegen, die diese Artikel schrieben, waren ganz normale Menschen. Es waren Väter und Mütter, Söhne und Töchter. Sie mussten Geld verdienen, um Essen und Kleidung zu kaufen, um ihre Kinder nicht hungrig und nackt in die Schule schicken zu müssen. Sie hatten mal gute, mal schlechte Laune, sie freuten sich auf den Feierabend, und aufs Wochenende und auf den Urlaub. Wie jeder von uns. Sie hatten wie wir alle Träume und Wünsche, als die diesen Beruf ergriffen hatten. Sie hatten informieren wollen, aufklären, aufdecken, die Welt ein bisschen besser, die Menschen klüger machen. Sie waren nicht böse.

Nein, böse war, mit welchem Dreck sie ihre Mitmenschen, ihre Freunde und Bekannten falsch oder im harmlosesten Fall gar nicht informierten, aufhetzten und ihnen Angst machten. Böse war, dass sie das mit sich machen ließen, diesen Dreck zu produzieren. Dass sie sich jeden Tag von ihrem Chefredakteur losschicken ließen, über ein Straßenfest, ein Autohaus oder einen faulen, geldgierigen Hartz-IV-Empfänger zu schreiben. Dass sie Hass und Neid säten. Dass sie ehrliche Bürger aufhetzten gegen Ausländer und Flüchtlinge oder wer immer gerade es ist, gegen den gehetzt werden soll. Auch mal die SPD, auch mal die Linke, die Piraten sowieso, auch die CDU, nur nicht gegen die Kanzlerin. Dass sie einen harmlosen Artikel über eine Supermarkteröffnung mit tollen Sonderangeboten schrieben, wo eigentlich der Platz gewesen wäre für einen über die Lage der psychiatrischen Einrichtungen in Deutschland oder die Nutztierhaltung.

Und ich habe diese Supermarkt- und Straßenfest-Artikel gekürzt. Damit noch mehr Platz für Bilder war. Manchmal hilft mir das, dass ich mir sage: Wenigstens habe ich diese Artikel gekürzt! Aber ich hätte die Wahl gehabt, zu kündigen. So wie auch meine Kollegen die Wahl hatten, wie auch Kai Diekmann die Wahl hat. Gerade Kai Diekmann. Und wenn er es nicht tut, muss ich wohl annehmen, er macht seine Arbeit nicht nur des Geldes wegen (davon dürfte er nach zwölf Jahren Chefredakteursdasein genug haben), sondern aus Überzeugung.

Ach so, liebe Eltern von Umut: Es gibt noch drei andere Plakate der Initiative »Rock your Life«. Auf einem Plakat sitzt Zeliha wie die bezaubernde Jeanny auf einem Tisch im Tagesschau-Studio und sagt: ICH WILL JULIA RAKERS WERDEN. Auf einem anderen steht Serkant in einer Fußball-Umkleide und sagt: ICH WILL JEROME BOATENG WERDEN. Und Jonas steht auf dem vierten Plakat hinter einer Imbiss-Theke und will STEFFEN HENSSLER WERDEN. Lauter nette Kinder mit anständigen Wünschen.

Ihr Sohn aber sitzt hinter dem echten Schreibtisch vom echten Kai Diekmann, hat die Füße auf dem Tisch gelegt (darf er das eigentlich auch bei Ihnen zu Hause?) und kuckt scheiße in die Kamera. Gut, das hat er schon mal prima von Kai Diekmann abgeschaut. Aber wenn er heute Abend nach Hause kommt, sagen sie ihm von mir doch bitte folgendes: »Niemand, der auch nur ein bisschen der so viel beschworenen Ehre im Leib hat, will Kai Diekmann werden.« Wahrscheinlich wollte nicht mal Kai Diekmann Kai Diekmann werden, aber Kai Diekmann hatte – so vermute ich – solche Eltern wie Sie.

Mit freundlichen undsoweiter

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