Ekel und Abscheu!

Sehr geehrter Herr Gauck,

»Menschen, die die DDR erlebt haben und in meinem Alter sind, die müssen sich schon ganz schön anstrengen, um dies zu akzeptieren«, haben Sie neulich gesagt, weil Sie es nicht so gut finden, dass der Linke Bodo Ramelow Ministerpräsident von Thüringen wird. Das haben Sie schön gesagt.

Man mag sich gar nicht vorstellen, wie das so manch einer Ihrer Kollegen formuliert hätte. Von Ekel und Abscheu hätte der eine oder andere doch bestimmt gesprochen, von einem beispiellosen Vorgang, einem historischen Erdrutsch, vielleicht von Zumutung und Schande. Gut, dass wir Sie haben.

Ich kann nachfühlen, wie es Ihnen geht. Wahrscheinlich werden Sie Herrn Ramelow bei dem einen oder anderen Anlass ja mal die Hand geben müssen. Es ist nicht schön, wenn jemand in ein wichtiges Amt gewählt wird, den man nicht mag. Noch schlimmer ist es, wenn jemand, den man nicht mag, in ein Amt gewählt wird, das einen direkt betrifft. Dass Herr Ramelow jetzt Ministerpräsident wird, geht mir persönlich ziemlich am Arsch vorbei und Ihnen hoffentlich auch, denn wir wohnen ja beide nicht in Thüringen, sondern in Berlin. Aber auch ich habe viele Jahre unter Regierungschefs gelebt, die ich nicht selber gewählt hatte. Selbst, wenn ich die hätte wählen wollen, ich hätt’s ja gar nicht gekonnt, denn bei uns werden Ministerpräsidenten oder Bundeskanzler ja gar nicht direkt gewählt. Den wählen die, die man bei der letzten Wahl gewählt hat, also wählt man den Bundeskanzler nur irgendwie indirekt. Und der Bundespräsident, na, Sie wissen ja selbst. Da schicken unsere Volksvertreter ein paar handverlesene Vertreter los, um einen Bundespräsidenten zu wählen, den man vielleicht gar nicht abkann. Wie gesagt, ich verstehe Sie voll und ganz.

Ich weiß, unsere Demokratie ist die derzeit beste, die man im Laden kaufen kann, state of the art sozusagen, und im Längen besser als das, was die Nazis damals hatten. Aber wie sagte meine Deutschlehrerin immer so schön: Man muss sich ja nicht nach unten orientieren …

Aber zurück zu Ihnen. »Menschen, die die DDR erlebt haben und in meinem Alter sind, die müssen sich schon ganz schön anstrengen, um dies zu akzeptieren.« Demokratie ist nicht einfach zu akzeptieren für jemanden, der wie Sie viele Jahre in einem undemokratischen Unrechts-System gelebt und gearbeitet hat. In der Kirche. Und das dann auch noch in der DDR. Und dann kommt Alter ja auch noch dazu. Da ist man mental nicht mehr so flexibel im Kopf und nachsichtig. Kenn ich. Von meinem Nachbarn, der wird auch immer seltsamer und meckert den ganzen Tag nur herum. Und wo sollen Sie Demokratie auch gelernt haben? Bei der letzten Wahl zum Bundespräsidenten wohl kaum. Ich wurde ja wenigstens in einen demokratischen Staat hinein geboren. Auf Knien würde ich dem Herrn dafür danken, jeden Tag. das können Sie mir glauben. Nur bin ich leider Atheist. Schon blöd irgendwie. Also für mich jetzt nicht.

Aber grämen Sie sich nicht. In fünf Jahren wird in Thüringen ja wieder gewählt. Und vielleicht hält die rot-rot-grüne Koalition ja gar nicht so lange durch.

Lassen Sie uns das Beste hoffen.

Mit freundlichen undsoweiter, Sie wissen schon …

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